Der falsche Vorwurf Grüner Ideologie

Wer einen spannenden Text über die Grünen schreiben will, der muss möglichst schnell die Idee einer ideologisch verfärbten Lebenswahrnehmung beschreiben. Irgendwo zwischen Grün-links-versifften Gutmenschen und radikalen Tier- und Umweltschützern, natürlich ohne Realitätsbezug, aber eben Ideologie. Dazu gehört auch das strickende Fernsehschnittbild in jeder Parteitagsreportage. Vorurteile wollen gepflegt werden. Dafür machen wir das doch. Wirklich?

Ich bin jetzt noch nicht so lange dabei, als das ich für mich beanspruchen könnte, mir ein umfassendes Bild über Grüne Partei und die darin enthaltenen Strömungen gemacht zu haben. Ich bin mir nicht mal sicher, ob das überhaupt geht, da jeder Ortsverband, jeder Landesverband und auch die anderen Gremien ganz eigene Sichtweisen auf die praktische Umsetzung grüner Politik haben. Grüne sind streitbar und ganz bestimmt nicht diszipliniert in Bezug auf Kommunikationsstrategien. Doch das Individuum zählt etwas bei den Grünen und das ist Fluch und Segen gleichermaßen.

Ideologie, ein Erklärungsversuch

Die einfachste Annäherung an den Begriff der Ideologie ist die über eine Definition: „Eine politische Ideologie ist die Gesamtheit der Ideen, Vorstellungen und Theorien zur Begründung und Rechtfertigung politischen Handelns. Wie bei jeder wertneutral verstandenen Ideologie sind es in erster Linie die Grundeinstellungen und Wertvorstellungen, die von ihren Anhängern geteilt und für wahr gehalten werden. Politische Programme basieren immer auf bestimmten Wertesystemen. Typisch für politische Ideologien ist zudem die Kombination von bestimmten Interessen und die starke Absicht zu ihrer konkreten politischen und sozialen Umsetzung. Eine Ideologie möchte die Welt nicht nur erklären, sondern auch beeinflussen, so dass politische Ideologien Ausdruck verfestigter politischer Normen und Einstellungen mit einem normativen Gestaltungsanspruch sind. Sie motivieren das politische Verhalten der Menschen und sind damit ein wesentlicher Teil politischer Orientierung.Wikipedia 2017

Weiter heißt es da: „Je größer der Einfluss einer politischen Richtung und je stärker sie sich von anderen Richtungen unterscheidet, desto eher wird der Begriff Ideologie im politischen Diskurs im abwertenden (pejorativen) Sinne als Vorwurf verwendet, um den Gegner als weltfremd, unzulänglich, korrupt, unsozial u. s. w. darzustellen. Man unterstellt, dass ein Standpunkt deswegen nicht stichhaltig sei, weil er auf einer politischen Ideologie basiere. Der eigene Standpunkt wird demgegenüber implizit oder explizit so dargestellt, dass er auf einer nüchternen Analyse der Wahrheit, dem gesunden Menschenverstand oder auf einer nicht in Frage zu stellenden Ethik beruhen würde. Dies könnte indes die jeweilige Gegenseite in vielen Fällen mit dem gleichen Recht für sich in Anspruch nehmen. Unausgesprochene Ideologeme (einzelne Elemente einer Ideologie) beherrschen oft die politische Debatte, ohne dass dies in der Diskussion immer bewusst wird.

Gerade den letzten Teil finde ich spannend. Dort wird Umfang beschreibt, wie Grünem Programmen mitunter begegnet wird. Dies unter anderem durch Parteien, mit denen wir in den vergangenen Wochen intensiv versucht haben eine gemeinsame Basis für eine Koalition zu finden. Verschobenen Perspektiven und Ziele verstellen den Weg auf jedwede zukunftsfreundliche Entwicklung, eben weil unterschiedlichen Ideologien zu Grunde liegen. Stillstand wir Ausdruck mangelnder Fähigkeiten zur Einigung, gelebte Führungsschwäche.

Die steinige Kultur des Umgangs

Vor dem Hintergrund sehr unterschiedlicher Zukunftsszenarien entsteht die Frage wie ein allgemein akzeptierter zwischenmenschlicher Umgang unter Akzeptanz unterschiedlicher Betrachtungswinkel funktionieren kann. Politik ist an dieser Stelle uneinig – wie sollte es anders sein? Aber kriegen wir es wirklich „nicht geschissen“, uns in voller Konsequenz auf Andere und deren Weltanschauung einzulassen. Die Aufgabe der anderen Positionen dabei etwas abzugewinnen ist nicht mal gefordert. Wir hören uns nicht zu. Dauersenden ist angesagt – als ausgebildeter Funker weiß ich, so lange ich sende muss der Rest zuhören. Chapeau. Gegenseitige Blockade.

Das führt zwangsläufig zu der Frage, auf welcher Ebene es uns tatsächlich gelingt einen Dialog zu eröffnen? Ich bringe hier die Idee der Kultur ins Spiel, die sich in diesem Kontext als Bedeutungs- und wissensorientierter Kulturbegriff etabliert hat. Danach wird Kultur als eine größere Einheit von Vorstellungen, Denkformen, Empfindungsweisen, Werten und Bedeutungen aufgefasst, der sich in abgegrenzten meist materialistischen Rahmen manifestiert. Klingt kompliziert und beschreibt am Ende eine sehr auf Wachstum fokussierte Betrachtung der Wirtschaft. So lange Erträge stimmen, nimmt man Nachteile anderer Stelle in Kauf.

Mich beschäftigen in diesem Rahmen verschiedene Gedanken. Wie lösen wir einen zukunftsfreundlichen Kulturwandel aus? Wie schaffen wir dies jenseits einer Leitkultur, wie sie in den konservativen Werteräumen beschrieben wird? Welche Institutionen sind dabei kulturentwickelnd oder können so agieren? Ich freue mich über Ideen.

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