Der Wunsch nach Ordnung

Es hört sich vielleicht verrückt an, aber wir Menschen mögen Ordnung. Sogar dann, wenn wir persönlich eher sagen würden, wie sind unordentlich. Ordnung gibt uns Sicherheit, wir wissen wo die Dinge sind, wie alles funktioniert und es fällt uns einfach uns in diesem Prinzip der Ordnung zu orientieren. Dagegen stehen die Probleme unserer Zeit. Sie bedrohen scheinbar diese Ordnung und erfordern an verschiedenen Stellen Umgewöhnungen. Das fällt manchen leicht, anderen nicht. Vielleicht kann man es stereotypisch so beschreiben, dass auf Bestand aufbauende eher konservative Teile unsere Bevölkerung sich mit Veränderungen schwerer tun, als die progressiv denkende Bevölkerungsteile, die Fortschritt über Veränderung definieren. 

Tatsächlich fallen umfangreiche Veränderungen allen Menschen schwer. Es verunsichert uns, wenn verschiedene Wahrheiten miteinander im Wettstreit stehen und dann auch noch das eigene Leben direkt davon betroffen ist. Nirgends lässt sich das so gut beobachten, wie dieser Tage beim Thema Auto. Diesel, Benziner, Elektromobilität, E-Fuels – die Antworten auf die Frage nach Mobilität sind vielfältig. Keine diese Antworten ist frei von „Abers“. In dieses schon so kaum überschaubare Potpourri mischen sich obendrein noch industrieller Betrug und ein eher zaghafter Umgang der Politik mit diesem Betrug hinein. Sicher ist eigentlich nur, dass es sich bei der Automobilindustrie um eine systemrelevante Industrie handelt, die großen Anteil am Wohlstand unseres Landes hat. Dieser Wohlstand soll nicht gegen die Wand gefahren werden. Ein sehr nachvollziehbarer Wunsch. Zugleich ein riesiges Dilemma. Zwischen das Gerechtigkeitsempfinden betrogener Kunden und das Gewinnstreben von Großaktionären passt schließlich immer ein politisches Drama. Dies wird zusätzlich befeuert von Aspekten der Digitalisierung und des Umweltschutzes und der Wirkungslosigkeit des zuständigen Verkehrsministeriums. 

Ordnungswunsch bedroht Ordnung – und nun?

Betrachten wir die Lage als Gesamtbild und berücksichtigen wir dabei auch die sich sektorenübergreifend verändernden Anforderungen, bspw. bei Energie und Digitalisierung, dann befinden wir uns im Verkehrssektor in einer Situation, die die klügsten und zugleich empathischsten Köpfe unserer Zeit erfordert, um diese Probleme zu strukturieren und zu lösen. Wie passt die Verkehrsminister Andreas Scheuer in dieses Spiel? Ganz ernsthaft muss man ihn wohl als eine Bedrohung eines jeden Wunsches nach Ordnung verstehen. Als eine der vielen Widersprüchlichkeiten des politischen Konservatismus. Wo die wachsame Veränderung den Bestand sichert, sorgt eine mutlose Politik des Stillstands am Ende für unkontrollierte Veränderungen. Das kann dramatischen Folgen für Deutschland haben und manifestiert sich heute bereits in der deutlich sichtbaren Instinktlosigkeit bei der Aufarbeitung des Dieselbetrugs, samt aller sich daran anschließenden Themen bis hin zu den diskutierten Fahrverboten. 

Das Konzept der von der Union umgesetzten „marktkonformen Demokratie“ stößt als Ordnungsprinzip immer öfter an Grenzen. Das nicht steuerbare, maßlose Gewinnstreben von einzelnen Menschen und Unternehmen unterminiert die Grundsätze der Demokratie. Alle Krisen der vergangenen Jahre wurden durch Gier ausgelöst. Die Gier nach Macht, Reichtum und Bedeutung. Egal, ob wir Facebook, Trump, Weltwirtschaftskrise, Cum-Ex oder Volkswagen betrachten, es sind immer ähnliche Muster, bei denen sich das Individuum zu Lasten der Gemeinschaft bereichert. Und immer geht das absehbar irgendwann schief. Das könnte bedeuten, dass es einen anderen Demokratiebegriff benötigt, einen der demokratiekonformen Märkte. Einen Begriff, der pragmatische Lösungen für wirtschaftliche Erfolge ermöglicht, dabei aber auch Staat, Menschen und Umwelt im Blick behält.

Schauen wir nach vorn, sehen wir die Endlichkeit von Ressourcen sehr deutlich. Bereits heute sind die Folgen dieses Handelns absehbar. Angefangen bei der Frage nach sauberem Wasser, über saubere Luft, Lebensmittel bis hin zur Frage der Energie. Jede einzelne dieser Fragen hat das Zeug die Zukunft der Menschheit zu bedrohen. Schon heute vernichten steigende Meeresspiegel die Lebensräume von Menschen. Schon heute machen Trockenheit und Wetterextreme ganze Landstriche unbewohnbar. Und schon heute fangen Menschen an sich deshalb neue Lebensräume zu suchen. 

Alle diese Fragen hängen zusammen. Wir müssen heute Veränderungen einleiten, um unsere liebgewonnenen Ordnungsbilder zu erhalten. Das geht manchmal nicht ohne Umgewöhnung, ohne die Bereitschaft sich dem Neuen, Ungewohnten zuzuwenden. Auch dafür zahlen wir einen Preis. Wir haben letztendlich keine Alternative dazu. Wer glaubt sich aus Bequemlichkeit der Veränderung entziehen zu können befördert eher das Gegenteil von dem, was er sich wünscht. Dafür braucht es ein Verständnis, wenn man sich mit Migration, Umweltschutz, Klimaschutz, Gesellschaft, Demokratie, Europa und all diesen anderen schwierigen Themen beschäftigt. Wir brauchen furchtbar viel Mut uns zu entwickeln, statt unsere Kraft für Dinge zu verschwenden, die heute schon von gestern sind.

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