Von Identität und Faxgeräten

Ich bin aufgewühlt über das Ergebnis der gestrigen Vorstandswahlen im Landesverband der niedersächsischen Grünen. Es hat mich die ganze Nacht nicht richtig schlafen lassen. Was bedeuten die Wahlergebnisse der Vorstandswahlen für die niedersächsischen Grünen, insbesondere das Ergebnis für den offenen Platz des Sprechers?

Zunächst Mal mag ich Stefan Körner und seine ruhige, besonnene Art. Ich habe gesehen, wie er aufblühte, als Anne Kura an seine Seite kam. Da entstand ein Kraftzentrum. Die beiden haben zusammen einen tollen Prozess der Erneuerung angestoßen.

Zugleich gilt, man steigt nicht ab, weil man das letzte Saisonspiel verliert. Da hat man vorher schon einiges nicht optimal angestellt. Das gilt wohl leider auch für Stefan, obwohl da eine deutlich ansteigende Formkurve erkennbar war. Es ist die Idiotie des Schicksals, dass er, der vermeintlich „schlechte“ Redner, ausgerechnet nach seiner wohl besten Rede abgewählt wird. Und das auch noch gegen einen Kandidaten der in meinen Augen selbst nicht überzeugend gesprochen hat. So läuft das manchmal in der Politik.

Gestern wurde nicht die Tagesform und auch nicht die aufsteigende Formkurve von Stefan bewertet. Zu tief waren die offensichtlich die Vorbehalte bei großen Teilen der Grünen. Das deutete sich durch unsauber gespielte Medienstatements an. Da ging es um mehr, um innerparteiliche Macht, um Meinungshoheiten. Das Zusammenspiel zwischen Fraktion und Landesvorstand. Auch die Flügel haben da im Hintergrund mitgemischt. Mir erscheint auch der Begriff des Bauernopfers recht passend, schließlich wird auch noch jemand gesucht, der Schuld am Wahlergebnis der vergangenen Landtagswahl haben kann.

Die Suche nach den neuen Gesichtern

In Niedersachsen haben wir keine Katharina Schulze, die die Grünen aus der Fraktion heraus zu diesen Erfolgen führt. Wir haben hier auch keinen Robert Habeck, keine Annalena Baerbock, die die Geschichte der niedersächsischen Grünen so ansteckend vortragen. Das lässt schon die Frage stellen, wer die Gesichter der Zukunft bei den niedersächsischen Grünen sind? Einer der sich große Hoffnungen macht ist Christian Meyer. Als Hardliner hat er bislang nur noch nicht mit der verbalen Varianz auftrumpfen können, mit dem Baerbock, Schulze, Al Wazir und vor allem Habeck agieren. Er gilt zugleich als Strippenzieher des aktuellen Machtwechsels im Landesvorstand und positioniert damit die niedersächsischen Grünen zunächst mal gegen den erfolgreichen Bundestrend.

Das bedeutet nicht, dass seine Ziele sich grundsätzlich von denen der Bundespartei unterscheiden oder gar dumm wären, ganz im Gegenteil. Als Grüne haben wir da alle eine hohe inhaltliche Deckungsgleichheit. Es bedeutet auch nicht, dass Christian im Wesen nicht ein toller Kerl ist. Ich schätze ihn sehr. In meiner Betrachtung fehlt da gerade allerdings Geduld und Empathie.

Ich hatte in den letzten Monaten die Chance mich intensiver mit der Flügelthematik zu beschäftigen. Es heißt, diese Flügel seien die Thinktanks der Partei. Grün-Linke, Reformer und auch die Grüne Jugend nehmen in meiner Wahrnehmung individuell wichtige Funktionen für die Partei wahr. Wenn es gelingt, diese individuellen Stärken strategisch geschickt einzusetzen, dann lassen sich damit große Erfolge feiern. Das bedarf dafür jedoch Akzeptanz und Klarheit über die eigene Rolle. Diese Rollenklärung fehlt in Niedersachsen gerade ein wenig. Abgesehen von der Grünen Jugend wird auch der Geist des Thinktanks in den Flügeln nicht so richtig gelebt. Man merkt es daran, dass inhaltlich kaum relevante Impulse von den Machtzentren in den Flügeln ausgehen. Als jemand der sich selbst schwerpunktmäßig mit Digitalisierung, Startups und Organisationsentwicklung beschäftigt, also Wirtschaftsthemen, habe ich fast zwangsläufig eine größere inhaltliche Nähe zu den Reformern. Ich setze mich aber auch für Klimaschutz und den Schutz von Umwelt und Natur ein, darum bin ich zu den Grünen gekommen.

Als Grüne liefern wir als einzige Partei in Deutschland wirklich Antworten beim Thema Umweltschutz. Wir kennen uns gut aus bei dem Thema und beleuchten wirklich alle beeinflussenden Faktoren. Das ist eine komplexe Aufgabenstellung, in die sich Unterschiede aus städtischen und ländlichen Betrachtungswarten schon schwer einflechten lassen. Die notwendigen Veränderungen betreffen Energie, Verkehr, Landwirtschaft aber auch Fragen danach, wie wir wirtschaften, wie wir zusammenleben, wie wir eine sichere und tolerante Gesellschaft schmieden. All das funktioniert nur im inzwischen globalen Zusammenspiel.

Die Wucht eines Faxgerätes

Deshalb ist es so traurig, dass wir gestern die Frage nach den dafür notwendigen Führungspersönlichkeiten – die es unbedingt braucht – so leichtfertig unbeantwortet gelassen haben. Es erscheint mir in der Zuspitzung ein wenig so, als versuchen wir in Niedersachsen die komplexen Fragen einer sich zunehmend vernetzenden Welt mit der Wucht eines Faxgerätes zu beantworten.

Das fordert Hanso Janßen um so mehr. Er muss jetzt schnell den Verdacht eines Macht-Placebos ablegen. Dazu gehört es im Vorstand anzukommen, in den Erneuerungsprozess einzusteigen und sich vor allem schnell bei den wichtigen digitalen Themen weiterzubilden, zum inhaltlichen Vollsortimenter zu werden. Ich bin mir nicht sicher, ob Hanso eins der Gesichter der Zukunft der Grünen sein kann – gerne lasse ich mich positiv überraschen.

Blick nach vorn

Zuversichtlich stimmt mich, dass wir mit Anne Kura eine frische und unverbrauchte Vorsitzende haben, die zwischen den Generationen vermitteln kann. Ich wünsche mir, dass diese Wahrnehmung den neuen Vorstand dominiert. Das der Aufbruch nicht durch den Wechsel zum Erliegen kommt. Und dass die Beisitzer*innen gut und ausgewogen soufflieren. Davon verspreche ich mir eine optimistische Perspektive mit Blick auf die vor uns liegenden Aufgaben.

Ich glaube, es wird innerparteilich auch noch etwas mehr ruckeln als es gestern zu sehen war. Das sollte uns jedoch nicht aufhalten.

Packen wir‘s an. (Und lasst uns die Gesichter der Zukunft identifizieren)

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